Reiseblog: Meine Heldenreise – Teil 19

Auf dem Jakobsweg –
Hightec-Pilgern mit Smartphone & E-Bike

Die Zeit bei D. fliegt. Ich bleibe zwei Tage und Nächte.
Wir tauchen ordentlich in die Vergangenheit ein.
Verrückt. Wir kennen uns seit 40 Jahren und wissen so gut wie nichts voneinander. Wir quatschen pausenlos. Es gibt einiges aufzuholen.
Das Leben führt die passenden Menschen auf fast magische Weise zusammen. Es könnte nicht besser getimed sein.
Dass etwas Großes und Veränderndes auf die Menschheit zu kommt ist deutlich spürbar.             
Wer das nicht wahrnimmt, sollte sich unbedingt die Zeit nehmen und genauer hinsehen.
Ich freue mich darauf und bin dankbar und glücklich diesen Weg in Begleitung gleichgesinnter und  lieber Menschen gehen zu dürfen.

D. schlägt vor, dass wir nach Matavenero fahren.
Dort hat sie Anfang der 90er Jahre 8 Jahre verbracht. Auch ihre Tochter wurde dort geboren.
Wenn man Matavenero in eine Suchmaschine eingibt, erscheint eine Vielzahl an Ergebnissen. Von „Ökodorf“ bis „Aussteigersiedlung“ und „internationales Wiederbesiedlungs-Gemeinschaftsdorf“ ist so einiges dabei.
1989 wurde dieses verlassene Bergdorf von Aussteigern und Hippies bezogen. D. kam Anfang der 90er dazu.
Ob ich Lust habe dorthin zu fahren. Dort ist heute Fiesta.
Na klar habe ich Lust!

Der Weg führt entlang des Jakobswegs. Da wollte ich schon lange mal hin.
Meine romantischen Vorstellungen vom einsamen Pilger, der sich asketisch lebend, alleine auf die Reise zu sich selbst begibt, wird beim Anblick der Scharen von Menschen in Multifunktionsbekleidung und Smartphone in der Hand ziemlich erschüttert.   Wir sehen sogar Pilger auf E-Bikes. Manchmal fahren auch Busse den Weg entlang, erzählt mir D..
Als ich vor 20 Jahren Paolo Coelhos Buch „Auf dem Jakobsweg“ las, war ich fasziniert von der Idee diesen Weg eines Tages zu laufen.
Die Vorstellung alleine unterwegs zu sein, nachts unter freiem Himmel zu schlafen und ausschließlich auf mich gestellt zu sein, rief ein Gefühl von Abenteuer und Freiheit in mir hervor.
Beim Anblick dieser Gruppenwanderung bin ich schlagartig ernüchtert.
Wenn ich das meinem Sohn erzähle, wird er enttäuscht sein. Ich weiß, dass auf ser Liste der Dinge die er im Leben unbedingt tun möchte, eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg steht.
Die Zeiten ändern sich.

Wir biegen von der Hauptstraße ab und fahren ein Stück Piste. D. erzählt mir von den Anfangsjahren in Matavenero. Wie es dazu kam, dass diese Gruppe von Hippies und Aussteigern die damals in Portugal lebte überhaupt auf die Idee kam, sich in diesem verlassenen Bergdorf niederzulassen.

Ohne Straße, ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Einkaufsmöglichkeiten, ohne jegliche Versorgung.
Aussteigen aus dem System. Ohne Kompromisse.
Wie mutig.

Wir stellen das Auto ab. Es geht zu Fuß weiter. Man kann das Dorf ausschließlich über einen schmalen Steinweg erreichen. D. berichtet, wie sie mit Pferden und Lastgestellen jedes einzelne Stück auf diesem Steinpfad ins Dorf transportierte.
In der Anfangszeit lebten hier 100 Erwachsene und 50 Kinder. Es gab eine Freilernschule, Lehrer, Handwerker.
Alles wurde per Hand selbst geschaffen und gemeinsam entschieden.

Ich bin fasziniert von ihrer Geschichte.
Sie war damals 20 Jahre alt. Anfangs lebte sie in einer Jurte, die später mit Holzbrettern verstärkt und noch später in ein Haus umgewandelt wurde.
Wir werden es noch sehen (Foto: Kleines, rundes Haus mit Spitzdach).
Dort kam ihre Tochter zur Welt. Die Geburt verlief problemlos. Das war wohl nicht immer so.
Ich lebte zu der Zeit in Jamaika. Auch ich hatte immer Kerzen, eine Kerosinlampe und ein paar Flaschen Wasser vorrätig.
Der Strom fiel mindestens ein Mal am Tag aus und folglich auch die Wasserversorgung. Mein Sohn kam 1994 im Public Hospital in Port Antonio zur Welt. Ohne Arzt, ohne Hygienevorsorge, ohne Bettwäsche.
Bis heute dachte ich, das sei mutig gewesen. Bis heute.

Wir erreichen das Dorf und können von Weitem Musik hören. Jemand spielt Geige und ich erkenne Trommeln. Es ist Sonntag und die Fiesta neigt sich bereits dem Ende. Vor einem Haus sitzen einige Leute und singen. Andere musizieren, manche tanzen dazu.
Wir werden liebevoll und freudig begrüßt. Es ist toll.
Ich kann den Spirit der Gemeinschaft fühlen. Auch wenn die Häuser mittlerweile Solarpaneele besitzen und es ein Wassersystem gibt, nehme ich ganz deutlich den Geist von damals wahr. Anfang der 80er Jahre habe ich eine Zeitlang in der West-Berliner Hausbesetzerszene gelebt.
Das Gefühl damals war ähnlich. Wir waren Pioniere. Wir lebten unsere Ideale. Anders als ein Großteil der Menschen.
Was ist daraus  nur geworden?

Was für ein Geschenk, dass ich all dies erleben durfte.
Wir laufen durch das Dorf. D. trifft immer wieder jemanden den sie von damals kennt. Wir kehren im Chiringuito des Dorfes ein um einen Tee zu trinken. Es ist verrückt. Ich kenne den Besitzer noch aus den 80er Jahren in Würzburg. Was für eine schöne Begegnung.
Wieder einmal schließt sich ein Kreis.
Wir sitzen, trinken Tee, essen Kekse und plaudern. Mitten in der Natur. Um uns herum nur Bäume, Felsen und ab und zu ein Haus. Es ist atemberaubend. Das Dorf liegt am Hang eines Tals. Es ist grün und still und herrlich.

Irgendwann machen uns auf den Rückweg zum Auto.
Der Aufstieg ist steinig und schmal. Oben angekommen laufen wir an einigen alten Wohnmobilen und verlassenen Autos vorbei, bevor wir in unser Auto steigen.
Dann fahren wir zurück. Wieder entlang des Jakobswegs.
Der hat seinen Zauber verloren.
Leben ist Veränderung. Alles ist ständig in Bewegung.

Es gibt andere Möglichkeiten zu sich selbst zu finden.
Meine Reise ist eine davon.
Überflüssig zu erwähnen, dass ich dankbar bin.
Bei D. angekommen holen wir zunächst ihren Hund Lucky ab. Er hat den Nachmittag bei einem von Ds. Freunden verbracht. Dieser Hund ist umwerfend. Ein ganz besonderes Wesen. Ich liebe alles an ihm.
Sein Wesen, seine Nase, seine Ohren.

Am Abend kochen wir. Nach dem Essen sitzen wir mit einer Flasche Rotwein am Kaminofen und reden.
Umringt werden wir von den Tieren. Einigen Katzen und Lucky. Es ist wundervoll.
Was für eine Reise.
Was für einzigartige Begegnungen und Erlebnisse.
Ich weiß, dass ich nicht mehr in mein Leben von vorher zurückkehren kann und will.
Das spielt im Moment keine Rolle.
Es wird sich alles finden und entwickeln.
Das weiß ich.
Morgen geht es weiter nach San Sebastian im Baskenland. Meine letzte Etappe in Spanien.
Danach will ich noch einmal an den Atlantik.
Ich möchte in Frankreich Abschied nehmen vom Meer. Nur für dieses Jahr versteht sich.
Ich mag keine Abschiede. Ich bin schlecht darin.
Ich sage “Auf Wiedersehen” zu D., den Katzen und Lucky.
Wir werden uns bald wieder sehen. Das weiß ich.

 


Wenn du Lust hast dich mit mir auszutauschen, schreibe mir an a.m@matern.solutions
Ich freue mich über dein Feedback.

Reiseblog: Meine Heldenreise – Teil 18

Auf dem Weg zurück Richtung Zukunft

Als ich Cádiz über die CA 36 verlasse, sehe ich links von mir die „Puente de la Constitución 1812“ (von den Spaniern Puente de la Pepa genannt) aus dem Meer ragen.
Ich werde emotional und fange an zu heulen. Nicht hemmungslos. Eher ein bisschen vor mich hin. Sei´s drum.

Es gibt Momente, da kann und will ich nicht rational sein. Dieser ist einer davon.
Ich spüre, dass wieder ein neuer Abschnitt meines Lebens ganz nah ist. Ich fahre gerade über die Schwelle.
Da darf schon mal geweint werden.

Für heute habe ich mir 200 km vorgenommen.
Ich will in El Real der la Jara übernachten. Der Ort ist klein, unbekannt und nichts Besonderes.

Es gibt dort einen kostenfreien Stellplatz mit guten Bewertungen. Eine Burg gibt´s auch. Das reicht. Mehr brauche ich nicht für eine Nacht.

Er befindet sich mitten im Dorf in einer Seitenstraße.
Ich finde ihn auf Anhieb und bin – wer hätte es gedacht – die Einzige. Es gibt Strom und Wasser umsonst.
Die Burg ist einen kurzen Spaziergang wert. Der Ausblick ist gut.

Neben Emma stehen 3 Feigenbäume an denen überreife Früchte hängen. Viele sind bereits heruntergefallen und zerplatzt.
Leider haben sie einen Befall, daher verzichte ich darauf sie zu pflücken und einzufrieren. Gefrorene Feigen in Soja- oder Kokosjoghurt. Die Empfehlung einer Freundin. Lecker.
Kurz vor neun fällt wie auf Knopfdruck eine Heerschar Vögel über die Früchte her. Sie machen einen Höllenlärm. Es ist richtig was los. Ich kann kaum telefonieren. Kurz bevor die Sonne untergeht verstummen alle gleichzeitig. Wie auf Kommando ist es still.
Beeindruckendes Spektakel.

Die Nacht verläuft ruhig. Nach einer kurzen Runde Yoga zwischen aufgeplatzten Feigen, fahren wir weiter. Heute steht Cáceres auf der Route. Wieder 200 km. 
Ich gönne mir einen Campingplatz, denn ich habe Lust auf Swimming Pool und eine geräumigere Dusche.
Ich liege gut zwei Stunden in der Sonne.
Das letzte Mal für dieses Jahr, wie mir gerade einfällt.

Auf dem Campingplatz hat jede Parzelle ein eigenes Badehäuschen mit Dusche, Toilette und Waschbecken.
Das kenne ich tatsächlich noch nicht.
Ich gehe frühzeitig schlafen, da ich am nächsten Tag Salamanca besuchen möchte.
In einer App finde ich einen zentral gelegenen Platz wo Wohnmobile inoffiziell stehen dürfen. Gleich daneben befindet sich ein Sportplatz mit einer Wiese. Perfekt zum Yoga üben.
Obwohl ich mittlerweile in Nordspanien bin ist es noch immer schön warm.

Salamanca ist beeindruckend. Kathedralen, Monumente, Paläste wohin man schaut.

Ich laufe umher, mache Fotos und beobachte die Menschen.
Am Plaza Mayor gehe ich in einer Seitenstraße in einem vegetarischen Restaurant essen.

Wieder einmal wird mir bewusst, wie gut ich es habe.
Unnötig zu sagen, wie dankbar ich bin.
Was für eine Reise.
In diesem Moment wird mir die Quintessenz meiner Reise klar. Die Erkenntnis ist ganz unspektakulär:
ES GEHT!
Ich kann genau so leben wie ich will.
Es gibt sie, die Freiheit und Unabhängigkeit die ich mir wünsche!

Ich weiß nun auch, wie es weitergehen wird.
Ich weiß wieder, was mich antreibt und wofür ich hier bin.
Ich trinke mein Bier aus, bezahle und schlendere langsam durch die Gassen der Stadt zu Emma zurück.
Ich bin glücklich.
Und wie.

Morgen fahre ich zu D. Sie wohnt in der Nähe von Astorga bei León. Wir kennen uns aus der Punkzeit. Aus den 80ern. Sie lebt seit 30 Jahren in Spanien. Ich freue mich auf sie.
Da D. einen Outdoorladen in der Nähe des Jakobswegs betreibt, fährt sie kurz nach meiner Ankunft für zwei Stunden dorthin. Es ist gerade Hochsaison. Jede Menge Pilger. Jede Menge Kunden. Ich habe Zeit anzukommen und mich ein bisschen auszuruhen.
D. lebt in einem kleinen Dorf in einem Holzhaus im Grünen.
Es ist sehr gemütlich.

Ich fühle mich wie aus einer Welt in die andere geworfen. Vor ein paar Tagen noch am Atlantik mit Wind und Sonne satt, dann El Real der la Jara, Cáceres, Salamanca. Jetzt mitten im Grünen zwischen Weiden mit Kühen und Pferden, Katzen und Hund.
Als D. vom Laden zurückkehrt, gehen wir ihre Pferde von der Weide holen und ein bisschen spazieren. Mit dabei ist Lucky ihr Hund. Ich verliebe mich ad hock in ihn.
Jetzt habe ich zwei Lieblingshunde.
Am Abend sitzen wir in eine Decke gehüllt mit einer Flasche Rotwein beim Essen und quatschen.
Es ist, als ob wir uns ewig kennen. Tun wir auch. Wie wunderbar.

Reiseblog: Meine Heldenreise – Teil 17

Conil, Cádiz, Abschied & Entscheidungen

Ich verbringe fast zwei Wochen in Conil.
Emma und ich stehen zunächst 4 Tage frei auf einem Parkplatz oberhalb der Playa de la Fontanilla – El Roqueo.

Der Platz ist fantastisch. Die Aussicht ist phänomenal, der Strand direkt vor meiner Haustüre. Ich liebe es.
Ich unternehme lange Spaziergänge am Meer.   
Einmal gehe ich abends nach Conil zum Essen und beobachte danach bei einem Eis das Treiben auf dem Plaza de Espana, bevor ich mich auf den Rückweg mache.
Im Dunkeln am Strand entlang zu laufen ist etwas Besonderes. Das Meer, der Mond, die Energie der Nacht. Magisch.
Ich bin ganz nah am Leben und spüre deutlich was mich wirklich glücklich macht.
Wie ich mein Leben haben will.
Ich habe eine Nomadenseele. Ich brauche das Gefühl absoluter Freiheit.
Ich will jederzeit entscheiden können wo ich leben möchte und es dann auch TUN.
Irgendwann werde ich vielleicht sesshaft. Im Moment nicht.

Der Minimalismus den ich bereits seit Jahren lebe macht sich bezahlt. Vieles habe ich bereits losgelassen.
Gegenstände verschenkt, verkauft, entsorgt. Trotzdem besitze ich noch immer zu viel. Es darf noch mehr gehen. Ich brauche es nicht. Für mich ist es Ballast. Ich werde den anstehenden Ortswechsel dazu nutzen noch mehr loszulassen.
Es ist erstaunlich wie ich mich und meine Bedürfnisse immer besser verstehe.
Meine Intuition ist glasklar. Sie ist mein Kompass und leitet mich. Ich pflege sie täglich.       
Auch das hat das Leben mich gelehrt.
Zeit nehmen für den Blick nach innen.
Meine Techniken sind Pranayamas, Yogaasanas und Meditation.
Diese Morgenroutine ist mir heilig.
Sie ist meine Basis. Mein Fundament. Aus ihr schöpfe ich. Täglich.
Wenn ich einen Tipp geben sollte, was man tun kann um zuversichtlich und ausgeglichen durch´s leben zu gehen, würde ich sagen: Nimm dir Zeit für dein Verhältnis zu dir.
Wenn du nur 10 Minuten hast, dann nimm dir 10 Minuten.
Fülle sie mit einer Routine, die dir guttut. Die dich erdet und verbindet. Ich übe jeden Morgen zwischen 30 und 60 Minuten. Je nachdem was möglich ist.
Diese Praxis bringt mich in die richtige Energie.
Solltest du dich fragen, was Pranayamas sind und welche sich anbieten, dann schau auf meinen (aktuell noch brach liegenden) YouTube Kanal. 
Dort findest du Anleitungen und Impulse.
Zur Erklärung: Pranayamas sind Energieaufladeübungen. Ich vermeide absichtlich das Wort „Atemtechnik“, denn es ist viel mehr. Dein Atem ist lediglich das Medium mit dem du die Energie aufnimmst und aktivierst (weitere Medien sind z. B. die Sonne und deine Nahrung).

Um die Sprachschule zu besuchen, ziehe ich wieder auf den Campingplatz „Los Eucaliptos“. Er ist nur knapp 15 Minuten Fußweg von der Schule entfernt.
Die Bäume sondern ihr Harz ab und ich putze wieder täglich Emmas Dach. Der kleine, dicke Spanier ist nicht mehr da und so kann ich dies unbeobachtet tun.

Der geplante Spanischkurs wird etwas abgespeckt, da alle Kurse voll belegt sind.
Ich fahre täglich gegen Mittag für 1 ½ Stunden in die Akademía zur „comunicacíon“.
Ich habe mehr oder weniger Privatunterricht. Außer mir nimmt nur Moritz aus Bremen teil. Es macht wie immer viel Spaß.

Wenn ich nicht in der Schule bin, verbringe ich viel Zeit mit L. und ihrem kleinen Sohn. Sie hat sich über den Winter eine Wohnung im Fischerviertel gemietet. Ich kann bei ihr Wäsche waschen und diese auf der Dachterrasse aufhängen.
Meerblick inklusive.

Mittlerweile habe ich auch die Entscheidung getroffen, wie es  weitergehen soll.
Da mein Vater am 9. Oktober seinen 80. Geburtstag feiern würde habe ich beschlossen den Tag mit meinen Kindern und meiner Mutter zu verbringen.
Sie weiß nicht, dass ich komme.
Am Telefon erzählt sie mir begeistert, dass ihre Enkel den Tag mit ihr verbringen wollen und sie sich überraschen lässt.
Sie mag Überraschungen. Ich auch.

Diese Entscheidung bedeutet für mich, dass ich den kommenden Winter in Deutschland verbringen werde.
Noch einmal kalte Füße also.
Was tut man nicht alles für die Familie.
Ein weiterer Aspekt ist, dass mir das Leben in den letzten Tagen eine unglaubliche Auswahl an Möglichkeiten vor die Füße gelegt hat. Ich kann gar nicht anders, als zugreifen.
Es ist ein Geschenk und ich nehme es dankbar an.
Ich spüre, dass meine Entscheidung richtig ist.
Ich bin bereit für einen Neustart auf allen Ebenen.
Ich freue mich darauf.

Ich beginne mit der Planung der Rückreise nach Deutschland. Ich will mir zwei Wochen Zeit dafür nehmen und ein paar Tage in der Nähe von León bei einer Freundin aus der Jugendzeit verbringen. Sie lebt seit vielen Jahren dort.
Es wird Zeit, dass ich die Hagebuttenmarmelade die sie sich gewünscht hat endlich abliefere.
Ich fahre sie seit Monaten mit Emma durch die Gegend.
Hiffenmark on Tour sozusagen.
Meine erste Station ist Cádiz. Ich stehe am selben Platz wo ich Ende Mai stand.

Es ist so schön, dass drei Tage daraus werden.
Ich verabschiede mich für dieses Jahr von Andalusien.

Reiseblog: Meine Heldenreise – Teil 16

Un paseo por Córdoba & das Wissen, alles tun zu können

Unfassbar wie die Zeit rennt. Es ist schon fast September.

In mir sind Ideen gereift, wie mein Leben kurz- und mittelfristig weitergehen darf.
Ich habe Lust auf Veränderung, einen Ortswechsel und bin voller Motivation. Ich weiß wieder was ich will und wie ich leben möchte.
Ich spiele Möglichkeiten im Geiste durch und fühle hinein, was wäre wenn.
Das ist großartig.
Was zunächst nur eine Ahnung war, konkretisiert sich mit jedem Tag mehr.
Es tun sich Möglichkeiten und Optionen auf.
Ich scheine sie in mein Leben zu ziehen. Es geschieht einfach und ich fühle, dass alles zum richtigen Zeitpunkt an seinen Platz fallen wird.
Es ist wirklich so. Ich weiß es einfach.
Ich denke an den letzten September zurück.
Ich war so krank, dass ich zwischenzeitlich nicht mehr sicher war, ob ich jemals wieder gesund werde.
Es war ein Alptraum.
Und jetzt?
Diese Reise war das Beste was ich tun konnte.
Ich ermutige jeden, der in sich den Wunsch verspürt einfach mal loszuziehen:
TU ES!
Mach es einfach. Kein “ja, aber” oder “wenn…dann”.
Keine Ausreden.
Ganz gleich was geschieht. Du kannst nur gewinnen.
Du wirst überrascht sein und manchmal vielleicht ein bisschen genervt von dir.
Am Ende findest du dich selbst.                 
Mit allen Ecken, Kanten, Eigenschaften und Merkwürdigkeiten die du in dir trägst.
Sie sind alle ok.
Ich mag meine Merkwürdigkeiten und ich lache gerne darüber.
Sie gehören zu mir.

Da ich mich in Conil verliebt habe spiele ich mit dem Gedanken, dort zu überwintern.
Ich habe eine weitere Woche Sprachkurs geplant. Dass ich hauptsächlich deutsch- und englischsprachige Freunde und Bekannte habe, hat mein Spanisch nicht verbessert.
In Conil werde ich auch L. und S. treffen. Ich habe beide im El Pueblo kennengelernt. Sie sind für den Winter nach Conil gezogen.

Nachdem ich Babu gesund und happy an sein Frauchen übergeben habe, überlege ich welche Route ich diesmal zum Atlantik nehme.   
Zunächst habe ich erst einmal Lust auf Stadtbesichtigung und ein bisschen Bummeln. Mein Freund T. hat mir Córdoba empfohlen,
Nach einem Abstecher im El Pueblo fahre ich dorthin.
Ich finde einen zentral und gut gelegenen Stellplatz. Er ist teuer, aber die Lage unschlagbar. Zehn Minuten zu Fuß zur Altstadt (Centro Historico), direkt neben einem Park wo ich abends auf der Wiese in der Sonne liege und morgens Yoga übe.
Die Stadt ist wunderschön. Ich liebe es dort herumzuspazieren.

Ich mag die engen Gassen und den andalusischen Stil. Außerdem ist es auch im September noch schön warm. Über 30 Grad.
Ich suche mir ein paar Sehenswürdigkeiten heraus und verteile sie auf den Nachmittag und nächsten Vormittag:

Die Mezquita – Catedral de Cordoba, den Alkázar des los Reyes Cristianos, los Jardines del Alkázar und die Puente Romana.

Die Kathedrale war zur Zeit der Mauren eine Moschee, was man in den Ansätzen noch sehen kann. Es ist mehr oder weniger eine riesige Gebetshalle. Sehr beeindruckend.

11,- Euro Eintritt sind meiner Ansicht nach doch übertrieben.
Für den Alkázar de los Reyes Cristianos muss ich 5,- Euro berappen.
Damit kann ich leben. Ich finde den Bau langweilig.

Der Garten dagegen gefällt mir gut.

Als ich am nächsten Tag durch das Judenviertel schlendere, entdecke ich die wunderschönen andalusischen Patios.

Die Bewohner haben sie für Besucher geöffnet. Man kann einfach hineingehen und eintauchen in die Pracht.

Ich unterhalte mich mit einer der Frauen dort. Sie war mit einem Deutschen verheiratet und erzählt mir, dass sie davon träumt, einmal alleine mit dem Wohnmobil zu verreisen, aber Angst hat es könnte etwas passieren.
Ich ermutige sie es unbedingt zu tun!
Sie sieht mich an und sagt: „Tienes razón! No pasa nada!“ (Du hast Recht. Es wird nichts passieren).
Ich hoffe für sie, dass sie sich selbst überwinden wird.
Ich erlebe es häufig, dass Menschen ihre Träume nicht verwirklichen, weil sie Angst haben es könnte etwas passieren.                     
Das Schlimmste was meines Erachtens passieren kann ist, dass man am Ende seines Lebens bereut die Dinge nicht getan zu haben.
Das stelle ich mir schrecklich vor.
Es gibt immer für alles eine Lösung. Sicherheit dagegen gibt es nicht.

Ich verlasse Córdoba am kommenden Mittag aufgefüllt mit schönen Eindrücken in Richtung Conil de la Frontera.
Ich bin gespannt, wie ich mich entscheiden werde.
Wohin meine weitere Reise mich führen wird.
Ich denke an meinen Vater.
Sein Tod hat familiär Vieles verändert.
Auch dies hat Einfluss auf die kommenden Monate.

Wir werden sehen….                                                                   

Reiseblog: Meine Heldenreise – Teil 15

Mein Lieblingshund

Ich schreibe diesen Artikel vor Emma sitzend in Conil de la Frontera am Atlantik.
Ich habe mich im Juni in diesen Ort verliebt und bin nun zurückgekehrt.
Es ist im September noch warm. Im Moment satte 27 Grad.
Der ideale Ort zum Überwintern.

Doch zunächst zurück zu Emmas repariertem Auspuff und meinem Hundesitterjob.
Ich hatte also wieder Glück und alles hat sich gefügt.
Diese Reise ist magisch und hat mich und mein Leben verändert.
Ich habe folgendes gelernt:
Wenn es mir gelingt, die Herausforderungen des Lebens anzunehmen, werde ich mit “Flow” belohnt. Großartig. Bitte mehr davon!
Ich kann gar nicht genug dankbar sein.
Für die Herausforderungen, die Learnings und den Flow sowieso.
Ich durfte lernen, dass nichts ohne Grund geschieht. Jedes Ereignis und jede Begegnung hat eine Botschaft für mich un will mir etwas sagen..
Letztendlich schickt mir das Leben all die Prüfungen damit ich sie meistern  und daran wachsen kann.
Ich habe immer die Wahl.
Ich kann mich als Opfer fühlen, die Verantwortung (an das böse Leben) abgeben und mich damit selbst ent-mächtigen.
Oder aber ich kann die Prüfung annehmen, die Verantwortung übernehmen (denn nichts geschieht ohne Grund) und die Macht über mein Leben behalten.
Ich entscheide mich für die zweite Möglichkeit.
Seit ich das bewusst tue erlebe ich, dass mich das Leben unmittelbar belohnt.
Eine weitere, für mich sehr wichtige Erfahrung ist was geschieht, wenn ich mich meinen Ängsten stelle.
Ich halte dies für einen der wichtigsten Schritte bei der persönlichen Entwicklung.
Ich überwinde mich immer wieder selbst und erlange dadurch Vertrauen, innere Stabilität und Sicherheit.
Dies macht mich unabhängig und willenstark.
Nicht manipulierbar.
Ich wünsche allen Menschen von Herzen, sich auf diese Reise zu begeben.
Du kannst nur gewinnen.

Frohen Mutes mache ich mich also auf den Weg nach Puerto de Mazarrón zum Hundesitten.
Für mich ist es eine Premiere.
Ich bin sehr zuversichtlich, da Babu und ich uns bereits von meinem dreiwöchigen Aufenthalt im Juli kennen.
Er ist ein gutaussehender, großer, starker,  manchmal etwas ängstlicher Hund. Er liebt sein Frauchen M. über alles, ist gefräßig und jagt gerne Katzen und Hasen.
Ich bin gespannt wie er sich verhalten wird, wenn er bemerkt, dass Frauchen erst einmal weg ist.
Wird er arg trauern?
Wird er fressen?
Ich warte es einfach mal ab.
Ich komme wie geplant an.
Wir haben noch einen Tag für eine Einführung in Babus Fressgewohnheiten und diverse Warnungen und Erklärungen. Zwei Mal pro Tag Futter, zwei Mal pro Tag Gassi gehen, nicht von der Leine lassen, da schnell auf Hasenjagd oder mit dem Kopf in der nächsten Mülltonne.
Das kann ich mir merken. Ich hätte eh Bedenken, dass er abhaut und ihm etwas passiert.
Da Babu von seinem Vorbesitzer schlecht behandelt und eingesperrt wurde, geht er nicht in Häuser. Aktuell lebt er mit M. in einem angebauten Raum am Ferienhaus ihrer Eltern. Die Türe ist immer offen.
Da ich nicht möchte, dass er sich einsam fühlt, schlafe ich die ersten beiden Nächte in Ms. Bett.

Wir kommen sehr gut miteinander aus.
Am ersten Tag frisst er zwar sein Nachmittagsfutter nicht, aber nach zwei Tagen ist der Hunger stärker. Nach drei Tagen betritt er vorsichtig das Haus. Er sieht sich zwar immer wieder vorsichtig um, ob die Türe noch offen ist, aber er bleibt bei mir.
Ich bin überrascht und freue mich sehr.
Wir machen regelmäßig unsere Runden und ich traue mich bereits am dritten Tag ihn zum Spielen mit einigen Hunden von der Leine zu lassen. Spielen und toben geht nur so. Ich bin trotzdem sehr erleichtert, als er ohne Zwischenfälle zurückkommt und ich ihn wieder anleinen kann.
Alles in allem kommen wir hervorragend zurecht. Ich gewöhne mich schnell an ihn und schließe ihn in mein Herz.
Er ist definitiv mein Lieblingshund.

Abends gehe ich manchmal weg (mal mit einem befreundeten Schlagzeuger auf ein Rockkonzert, mal ein Eis essen und im Hafen sitzen), während er aufs Haus aufpasst und Katzen verjagt.
Die zehn Tage sind schnell vorbei und M. von ihrem Deutschlandurlaub zurück. Fast ein bisschen schade. Ich werde ihn vermissen.

Da ich bisher wenig Zeit für Kultur hatte, möchte ich nach Córdoba um mir dort einige Sehenswürdigkeiten anzusehen.
Ich mache mich zeitnah wieder mit Emma auf den Weg.

Mein Fazit: Ein Hund ist eine große Verantwortung und erinnert mich an die Zeit als meine Kinder klein waren.
Ich denke, ich werde das mit dem eigenen Hund auf später verschieben, wenn ich mal alt bin.
Das ist noch ein bisschen hin.

Reiseblog: Meine Heldenreise – Teil 14

Freundschaft, ein kleines Paradies & Frau unterm Auto

Ich bleibe drei Wochen. Dann treibt es mich weiter.
Ich möchte unbedingt noch Zeit mit meinem Freund T. verbringen.
Außer bei seinem kurzen Besuch zu Beginn meiner Reise, hatten wir noch keine Möglichkeit dazu. Da er Familie und einen Vollzeitjob hat, richte ich mich nach ihm.
Seine Eltern haben sich für Mitte August angemeldet. Somit ist jetzt der passende Zeitpunkt für meinen Besuch.
Da ich M. versprochen habe in der dritten Augustwoche 10 Tage auf ihren Hund aufzupassen, fügt sich alles perfekt.
Emma und ich machen uns wieder auf die Reise. Sie scheint es genau wie ich kaum erwarten zu können. Ihr Motor schnurrt freudig und beschwingt. Das höre ich. Wir sind zusammengewachsen in den letzten Monaten. Sie ist im Moment das Wichtigste für mich: Transport, Bett, Schutz, Zuflucht, Kühlschrank, alles.
Ein weiteres Mal durchquere ich das Plastikmeer der Region Almeria.
Ich nehme mir vor auf dem Rückweg eine andere Strecke zu fahren.
Ich will mir das nicht mehr ansehen.
Wir halten in Torrenueva für die Nacht.
Auch hier ist es im Moment sehr voll.
Gegen Abend habe ich Lust auf eine Abkühlung im Meer.
Ich kämpfe mich durch eine Wand aus Menschen unter Schirmen, auf Klappstühlen & Liegen, Kühltaschen und anderen Standkram.
Auch im Wasser ist es voll. Ich schwimme ein Stück zwischen Stand Up Paddlern, Gummibooten, Luftmatratzen, Ball spielenden Menschen.
Morgen werde ich vor 8:00 Uhr hier sein.
Als ich am nächsten Tag früh am Strand ankomme, präsentiert sich mir folgendes Bild:
In der ersten Reihe, direkt am Wasser, stehen in Reih und Glied verwaist und aneinandergereiht Schirme, Klappstühle, Liegen und anderer Strandkram. Menschen sind keine zu sehen.
Ich vermute, die werden später, zusammen mit den Kühltaschen auftauchen.
Interessant. Dieses Phänomen gibt es nicht nur mit Handtüchern auf Poolliegen. Offenbar ist es zudem nationalitätenunabhängig.
Ich gehe schwimmen. Es ist herrlich und ruhig
Ist ja außer dem Equipment noch keiner da.
Danach widme ich mich meiner Morgenroutine, trinke Kaffee und packe zusammen.
Eilig habe ich es nicht. T. kommt erst am Spätnachmittag von der Arbeit.
Ich habe genug Zeit in Algeciras einkaufen zu gehen. Wo der Lidl ist, weiß ich. War ja wegen der NIE schon einige Male hier.
Die Auffahrt zum Grundstück ist für Emma eine kleine Herausforderung.
Es befindet sich auf einem Berg, oberhalb der Stadt. Emma schnauft.
Das letzte Stück ich steil und ein Geröllweg, aber sie schafft es.
Ich freue mich sehr alle zu treffen und werde liebevoll und freundschaftlich empfangen.
Der Ort ist wunderschön. Es ist ruhig und grün. Ein kleines Paradies.
Ich wohne in einem Gästehäuschen neben dem Pool. Genial. Morgens besucht mich Joker der Kater und holt sich Streicheleinheiten ab.
Wir quatschen viel (T. und ich, nicht Joker) und tauschen uns aus.
Ich merke, wie wertvoll es ist echte, alte Freunde zu haben. Wir lachen über früher, unsere wilden Jahre, reden über dies und das. Dankbar.
Da beide arbeiten, bin ich tagsüber meist alleine. Die Kinder haben Ferien und gehen in ein Sportcamp. Ich genieße die Zeit, die Ruhe, den Pool.
Alles.
Das Haus liegt unterhalb eines Naturschutzgebietes, wo ich ab und zu laufen gehe. Mal mit den Stöcken, mal einfach nur spazieren.
Wenn ich fünf Minuten den Berg hinauf gehe, habe ich eine sensationelle Aussicht auf den Hafen von Algeciras und die Halbinsel Gibraltar.

Einmal mache ich morgens eine kleine Wanderung und erklimme den etwas zerfallenen, steinigen Wanderweg. Es gibt eine Geschichte dazu, wie ich auf einer Hinweistafel lesen kann.

Hier oben bin ich komplett alleine.
Ich schreibe viel. Für meinen Blog, für mich, meine berufliche Zukunft.
Ich denke nach, halte meine Erkenntnisse fest.
Ich durfte im letzten Jahr Vieles loslassen.
Lebensumstände, Jobs, berufliches Wirken, Einnahmequellen, Menschen, einen Teil meiner Haare, Freundschaften, die teilweise nie welche waren.
Manches kam ohne Vorwarnung, manches kündigte sich an.
Manches schmerzte, manches brachte Erleichterung.
Alles zusammen kündigte eine komplette Neuausrichtung meines Lebens an. Im Nachhinein weiß ich, warum die Dinge genau so geschehen sind und ich bin froh für diese Herausforderungen und Lektionen.
Ich wäre heute nicht da wo ich bin, hätte ich all dies nicht erfahren.
Jetzt, mit Abstand, erkenne ich, dass alles richtig und notwendig war.
Ich fühle, dass es das immer schon war. Dass die Dinge immer genau so geschehen, wie sie für mich richtig sind, damit ich mich weiter entwickeln kann und auf meinem Weg vorankomme.
Oft konnte ich das nicht sehen und habe gelitten.
Heute weiß ich, dass Schmerz der Antrieb für Veränderung und Erweiterung ist.
Who feels it, knows it.
Ich erkenne, dass das Leben ständig mit mir spricht und mir die Richtung weist.
Ich habe verstanden, dass das was ich erfahre, ein Spiegel meiner inneren Welt ist.
Eine Reflektion meiner Überzeugungen und Muster. Wie innen, so außen. Eigentlich nichts Neues.
Kognitiv war mir das schon lange klar.
Jetzt fühle und lebe ich es bewusst.
Ich habe in den letzten Monaten erfahren können wie es funktioniert, das Leben selbst zu gestalten. Ich erfahre täglich, dass Veränderungen erst in mir geschehen müssen, bevor sie sich im Außen manifestieren können.
Wichtig ist, dass ich die Verbindung nach oben (zur Schöpferquelle, zum Universum, zur göttlichen Quelle, zum höheren Selbst…wie nennst du es?) stets pflege und meinen Kanal reinhalte.
Mit liebevollen Gedanken, Worten, Taten. So einfach ist das.
Auch wenn es abgedroschen klingen mag: Dankbarkeit und Demut sind zwei der wichtigsten Schlüssel zu Glück und innerem Frieden.
Ich freue mich sehr hier sein zu können. Ich bin dankbar (da isses wieder) für die Gastfreundschaft und Großzügigkeit. Alles.
Ich mag den Austausch, die Gespräche, die gemeinsamen Essen mit der ganzen Familie.
Am Wochenende fahren wir gemeinsam nach Barbate oder Getares an den Strand. Ich kann ein bisschen Spanisch üben und werde von den Kindern gewissenhaft korrigiert.
Getares ist ein Strand in Algeciras. Man hat von dort einen tollen Blick auf Gibraltar.
Wir erwischen einen wunderschönen Strandsonntag. Das Wasser ist klar, türkisblau und sauber. Das ist nicht immer so, erfahre ich. Gibraltar hat keine Kläranlage und leitet laut T.  alle Abwässer ins Meer. Wenn die Strömung schlecht ist, kann man beim Baden im Meer auf Windelteile und andere Unappetitlichkeiten stoßen. Naja. Da habe ich ja mal wieder Glück gehabt. …und bin schon wieder dankbar.
Einmal fahre ich alleine nach Tarifa, fülle meine Gasflaschen auf und gehe am Strand essen. Mit Blick auf die Küste Afrikas. Verwöhnprogramm.
Da ich ab dem 20. auf Babu (den Hund) aufpassen möchte, verlasse ich meine Freunde am 15.
Ich fahre durch´s Landesinnere und plane einen Zwischenstopp im El Pueblo.
Bis dorthin sind es 190 km.
Ein Teil führt an der Costa del Sol entlang. Ab Málaga sind es noch ca. 100km ins Landesinnere Richtung Granada.
Kurz vor Marbella nimmt mir auf der Stadtautobahn ein Audi SUV die Vorfahrt und fährt einfach in die Autobahn ein.
Ich lege eine Vollbremsung hin, weiche aus und habe mal wieder Glück.
Es ist kein Fahrzeug auf der linken Spur.
Der Audi fährt weiter.
Ich atme das Adrenalin weg, beschleunige und….. es wird laut.
Der Auspuff. Das Geräusch kenne ich.
Zur Erklärung: Auf der Autovía del Mediterráneo sind in diesem Abschnitt 80 km/h erlaubt. Die einfahrenden Autos tun dies aus dem Stand.
Für diejenigen die noch die Mauer in Berlin live erlebt haben:
Es ist genauso wie damals im DDR-Transit mit den Trabis.
Ich fahre mit Warnblinke und 30km/h zur nächsten Ausfahrt, verlasse die Autovía und parke Emma im Schatten. Zum Glück finde ich gleich einen geeigneten Platz.
Dann krieche ich unter sie.
Meine Vermutung bestätigt sich: Der Auspuff ist direkt am Krümmer abgebrochen und hängt herunter auf die Straße.
Durch die Vollbremsung ist das längere Teil des Auspuffs (Emma ist 5,60m lang) aus einer Gummihalterung gerissen und wurde nach vorne gedrückt.
Die Wucht hat ihn dann aus dem Krümmer gerissen.
Na prima. Und jetzt?
Es ist der 15. August. Feiertag. Alle Werkstätten und Geschäfte haben zu. „Bleib ruhig und denke nach. Ärgern hilft nix!“, sage ich mir.
Ich rufe T. an und frage ihn, ob ich gefahrlos mit dem Auto weiterfahren kann, sofern ich den Auspuff nach oben binden bzw. fixieren kann.
Er bestätigt es mir.
Dann rufe ich F. vom El Pueblo an und frage ihn, ob er einen zuverlässigen Schrauber hat, der Schweißarbeiten verrichten kann.
Auch das bekomme ich bestätigt.
Ok. Nun fehlt nur noch ein geeigneter Draht.
Ich schließe Emma ab und mache mich auf den Weg.
„Bitte schick mir einen Draht! Ich will heute unbedingt ankommen!“
Im Hinterhof eines Hotels frage ich zwei Frauen erfolglos nach Draht.
Vielleicht ein Drahtkleiderbügel? Leider nicht.
Die eine ist so nett und geht mit mir in eine Art Abstellkammer hinter dem Hotel. Dort befinden sich Waschmaschinen, Matratzen und allerlei Gerümpel. Kein Draht. Kein Kleiderbügel. Lo siento.
Ich verabschiede mich.
Als ich mich umdrehe und zurück in den Hof laufe, fällt mein Blick auf den Boden, vor die Hauswand links des Raumes.
Da liegt er: 50 cm feinster, dicker, kerzengerader Draht.
Bestellt. Geliefert.
Es ist fast ein bisschen unheimlich.
Ich hebe den Draht auf, platze fast vor Dankbarkeit (…ist echt angebracht!) und verlasse grinsend den Hof.
Zurück bei Emma ziehe ich mein Sommerkleidchen aus, ein T-Shirt und eine kurze Hose an, fahre sie auf zwei kleine Auffahrblöcke, hole meine Rohrzange (mehr Werkzeug habe ich nicht) und krieche unters Auto.
Dort bleibe ich für ca. eine Stunde.
Ich kann mehrere Männer von unten beobachten die näher kommen, sich an die Autovía vor Emma stellen, den Verkehr beobachten (?!), ein wenig hin- und herlaufen, einen Blick auf Emma und die halbe Frau darunter werfen und dann weggehen.
Es fragt niemand, ob er mir helfen kann.
Darauf warte ich auch nicht.
Ich muss mal wieder an Jamaika denken. Damals fuhr ich in meinem Mini, gestylt, in der Hoteluniform zum Jamaica Palace Hotel wo ich als Reiseleiterin arbeitete. Ich knallte in ein Schlagloch und riss mir den Auspuff ab.
Innerhalb von fünf Minuten stand eine Gruppe von Männern um mein Auto herum und palaverte, was denn zu tun sei.
Letztendlich holte ich mir einen Draht, kroch unter den Mini (Minis liegen tief!) und fixierte den Auspuff. Bevor die Jungs zu Ende diskutiert hatten, war ich fertig. Das hat mir damals viel Respekt eingebracht.
Wie dem auch sei.
Nach einer Stunde ist das Werk vollbracht. Ich bin schwarz und ölig, aber happy.
Ich schaffe es ohne weitere Zwischenfälle ins El Pueblo.
Langsam und laut komme ich an.
Am nächsten Tag fahren F. und S. mit mir zu ihrem Schrauber.
Er schweißt den Auspuff, tauscht ein Blinkerlicht aus und Emma schnurrt wieder. 50,-.
Wunderbar.
DANKE.

Reiseblog: Meine Heldenreise – Teil 13

Puerto de Mazarrón

Als ich nach einer entspannten Fahrt mit abschließendem Einkauf (drei Mal darfst du raten wo…) bei meiner Schulfreundin M. in Puerto de Mazarrón ankomme, ist es Nachmittag geworden.
Keine Ahnung wo die Zeit hingekommen ist. Ich habe letztens irgendwo gelesen, dass die 24 Stunden eines Tages mittlerweile gefühlt die Quantität von 18 Stunden. haben. Angeblich steht dies im Zusammenhang mit der Schumann Frequenz. Hierzu kann ich keine Aussage machen, da ich es nicht weiß. Aber ich nehme deutlich eine Art Beschleunigung der Zeit wahr. Und das kontinuierlich seit einigen Jahren.

Ich finde das Haus auf Anhieb. Es befindet sich ein einer Urbanización (=Wohngebiet) auf einem Hügel.
Die Aussicht aufs Meer ist sensationell. Ich liebe es sofort.

Wir begrüßen uns und ich lerne ihren Hund Babu kennen, mit dem ich zu einem späteren Zeitpunkt 10 Tage alleine verbringen werde. Das weiß ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.

Während ich dies schreibe, liegt das Hundesitting schon wieder vier Tage zurück. Hatte ich erwähnt, dass die Zeit rast?

Ich beziehe mein Zimmer. Eigentlich ist es das ihres Vaters, der es mir für meinen Besuch zur Verfügung stellt. Ihre Eltern verbringen seit Jahren den Winter hier. Coole Sache.
Ich habe ein Bad für mich alleine. Ebenfalls coole Sache.
Ich bin super dankbar, dass ich hier die Möglichkeit bekomme dem Urlaubstrubel auf den spanischen Campingplätzen zu entkommen.
Die Gegend ist ebenfalls bis Anfang September voller Besucher, aber bei 36° C im klimatisierten Haus lebt es sich sehr viel angenehmer.
Wie angenehm, darf ich in den kommenden drei Wochen erfahren.
Hier am Berg weht meist zusätzlich ein leichter Wind und der Weg zum Strand ist kurz.                
10 Minuten den Berg hinunter. Der Rückweg nervt ein bisschen, aber in diesem Fall kann man nicht alles haben.
Da mir zwei bis drei Stunden am Strand liegen absolut genügen, hält sich die Anstrengung in Grenzen. Ich gehe ab und zu vormittags hinunter, lese ein bisschen, hüpfe zum Abkühlen ins Meer was bei badewannenmäßigen Temperaturen relativ ist und liege danach noch eine Weile unter meinem Sonnenschirm herum.
Gegen Mittag wird es mir zu heiß.    
Ich habe genug. Wenn ich oben ankomme, bin ich schweißgebadet und reif für eine Siesta. Meist schreibe ich ein wenig und sortiere meine Gedanken.

Die Frage, wie es in meinem Leben weitergehen soll ist präsent.
Was macht mir Freude?
Was will ich wirklich in die Welt bringen?
Wie geht es weiter?
Ich stelle fest, dass die Gefühle die bei diesen Fragen hochkommen anders sind als noch vor ein paar Wochen.
Ich habe keine Ängste mehr und weiß, dass alles zum richtigen Zeitpunkt zu mir kommen wird. Erstaunlich.
Allein schon deshalb hat sich diese Reise gelohnt.
Ich vertraue.
Auf mich, auf mein höheres Selbst, auf meinen Weg.
Ich spüre, dass ich auf dem richtigen Pfad bin. Ich bin im Flow. Gigantisch.
Dankbar.

Den Vollmond Mitte Juli erlebe ich sehr intensiv.
Die Energie der Veränderung ist stark spürbar.
In dieser Nacht sitze ich mit M. bis 1:00 Uhr im Chiringuito am Strand. Chiringuitos sind Strandbars die nur im Sommer aufgebaut werden. Kleine Häuschen mit Terrassen wo es günstige Getränke und ein paar Tapas gibt. Typisch spanische Sache. Ich mag diese Kultur.
Hier in Puerto de Mazarrón gibt es drei oder vier davon. Außerdem hat der Ort eine Strandpromenade (Paseo). Hier spielt sich abends und nachts das Leben ab. Überall Menschen.                                  
Oft fahre ich mit dem Fahrrad zum Paseo, sitze auf einer Bank und beobachte das Treiben.
Der Ort ist kein klassischer Urlaubsort mit großen Hotels und Animation am Strand. Es ist anders als ich es von der Costa Brava kenne.
Viele Spanier, Briten und Deutsche haben Ferienhäuser oder -wohnungen hier, wo sie den Winter verbringen. Im Sommer stehen die Häuser entweder leer oder werden vermietet. Hauptsächlich an Spanier und Briten. Die sind nachts alle unterwegs. In den Restaurants, Bars, Eisdielen und kleinen Geschäften. Die gibt es hier noch. Das gefällt mir.
Ich habe keine einzige Filiale irgendeiner Unternehmenskette gesehen. Alles individuell und einzigartig. Toll.                        
Den ganzen Juli und August steppt hier der Bär. Es gibt Konzerte und überall Musik. Afrikanische Männer bieten Klamotten an, ihre Frauen flechten Zöpfe und farbige Strähnen in die Haare der Touristen. Oft baden bis zum Einbruch der Dunkelheit Menschen im Meer oder sitzen in ihren Klappstühlen am Stand. Der befindet sich direkt unterhalb des Paseo.
Ein Mal fahre ich mit M. nach La Azohía in ein Chiringuito zum Sonnenuntergang. Die Atmosphäre ist toll.

Eines Nachmittags werde ich fast von einem 3-türigen Hängeschrank in der Küche des Hauses erschlagen. Ich habe – wie immer – meinen Schutzengel neben mir. Es gehen zwar einige Kilo Glas zu Bruch, als der Schrank an einer Seite abrutscht und sich die Türe öffnet, aber er verkeilt sich dann zwischen Boiler und Wasserhahn, so dass ich den Nachbar zur Hilfe holen kann. Gemeinsam schaffen wir es den Rest des Geschirrs auszuräumen und das Schrankmonstrum auf den Boden zu bringen. Als ich die Schrauben sehe, mit denen er 20 Jahre lang an der Wand geblieben war, muss ich mal wieder an Jamaika denken. Erstaunlich, wie lange das gut ging. Es geht halt doch nichts über deutsche Handwerksarbeit. Grins.

Eintrag in meinem Reisetagebuch am 20.07.2022:

Seit einigen Tagen verändert sich etwas. Es bildet sich eine Art „liebevolle Struktur“ in mir. Ich stehe früh auf, übe Yoga und beginne den Tag mit einem anderen Gefühl. Ich schreibe mittlerweile einen Reiseblog, der scheinbar gut angenommen wird. Darüber freue ich mich ganz besonders. Das Buch „Der Schatzberg“ von Radu Cinamar kam genau zur richtigen Zeit zu mir. Ein weiterer Wink. Ich nehme wahr, dass sich in mir etwas zu formieren beginnt, auch wenn ich noch nicht genau weiß was.
Ich vertraue dem Prozess.

Reiseblog: Meine Heldenreise – Teil 12

Obst, Gemüse & des Bayern liebstes Lebensmittel

Bis zu meinem Ziel nach Puerto de Mazarrón sind es knapp 300 km.
Da Emma und ich mittlerweile einige Erfahrung mit Langstrecken haben (alles ab 250km) will ich die Strecke auf zwei Mal fahren.
Ich halte nach einem geeigneten Stellplatz Ausschau und finde ihn inmitten des Naturschutzgebietes „Parque Natural del Cabo de Gata-Nijar“.
Cool! Ein Naturschutzgebiet. Ich freue mich darauf.

Der Platz „Camping de los Escullos“ befindet sich in der Region Almeria, 150 km vor Puerto de Mazarrón. Perfekt.

Almeria kennt man. Wahrscheinlich hat das jeder beim Einkaufen schon einmal gelesen.
Richtig. Daher kommt ein Großteil des Obstes und Gemüses das in Deutschland in den Supermärkten liegt.
Ich hatte gehört, dass es in Gewächshäusern angebaut wird und mich darüber gewundert.                                                                                      
Ich verlasse den Stellplatz in Torrenueva und bemerke beim Auffahren auf die Landstraße, dass er komplett von Gewächshäusern umgeben ist.
Er schmiegt sich sozusagen dazwischen.
Als ich dann auf die Autovia del Mediterráneo zurückkehre, bin ich von dem Anblick der sich mir links und rechts bietet geschockt. Ich hatte auf der gestrigen Fahrt bereits das ein oder andere Gewächshaus gesehen.
Was sich nun vor mir ausbreitet übertrifft alles.
Ein weiß-beiges Meer aus Plastikgewebe. Kilometerweit. Und das meine ich auch so.
Wo ich auch hinschaue: Es gibt kein Stück unbedecktes Land. Hier und dort ein Dorf dazwischen.

Warum lässt man zu, dass diese wunderschöne Landschaft so verschandelt wird?
Warum Gewächshäuser bei diesem Klima?
Was ist in den offenbar leeren, weißen Plastikkanister die zwischen den Anlagen liegen?
Was genau verstehe ich hier nicht?
Ich finde keine Antwort. Wahrscheinlich gibt es auch keine die mich zufriedenstellen würde.
Es geht es um Geld und Abhängigkeiten. Vermutlich. Wie meistens.
Als ich von der Autobahn abfahre frage ich mich, ob auch dieser Campingplatz von einem Plastikmeer umringt sein wird. Im Naturschutzgebiet? Ich bin gespannt. Wie ernst wird das wohl hier genommen.
Es geht eine kleine Landstraße entlang. Links und rechts nach wie vor weiß-beige Optik bis zum Straßenrand. Im Vorbeifahren nehme ich aus dem Augenwinkel etwas wahr, was in meinem Kopf Bilder aus den Ghettos in Downtown Kingston aufblitzen lässt. Es sieht aus wie Hütten aus Plastikfetzen, Holzresten, Wellblechteilen. Es sind eher Unterstände.
Ich registriere, dass ein paar Schwarze herauskommen. Arbeiter vermutlich. Bilde ich mir das ein oder leben die da? Ich brauche ein bisschen um das Gesehene in meinem Kopf zu sortieren. In Europa. Krass.
Ich fühle mich ziemlich unbehaglich.
Davon kann ich keine Fotos machen. Das wäre schamlos.
Ich lasse die Behausungen hinter mir. Als ich am Schild „Parque Natural del Cabo de Gata-Nijar“ vorbeifahre, hört wie auf Kommando die optische Umweltverschmutzung auf.

Weit und breit kein Gemüsezelt mehr zu sehen. Ich bin erleichtert.
Stattdessen präsentiert sich die Natur hügelig, bergig, steinig, steppig-grün und weit. Mir fällt auf, dass kaum Müll herumliegt. Wie schön!
Was das Thema „Müll“ betrifft, so darf sich meines Erachtens in Spanien dringend etwas verändern. Ich habe so viel davon herumliegen sehen. An Straßenrändern, auf Rastplätzen, am Meer, in Parks. Überall. Achtlos weggeworfen.
Hoffentlich verändert sich das Bewusstsein der Menschen schnell.
Nicht nur das der Spanier in Bezug auf das Müllproblem,
Die Natur ist jedenfalls toll und ich genieße sie sehr.
Auch der Campingplatz gefällt mir.                                                           
Er ist sauber, gut ausgestattet und: Rammelvoll.
Im Juli und August ist ganz Spanien unterwegs.
Mit Kind & Kegel, Sack & Pack im Urlaub.
In manchen Restaurants wird abends in Schichten gegessen. Wenn man einen Tisch reserviert (ohne geht gar nicht), muss man den nach spätestens zwei Stunden räumen für den nächsten Essenstrupp.
Da ich alleine unterwegs bin, hatte ich allerdings bisher Glück und kam ohne Anmeldung unter.
Hinzukommt, dass die Spanier im Durchschnitt ab 22:00 Uhr zum Essen gehen. Wir kommen uns da selten in die Quere.
Nachdem ich eingecheckt und Emma auf meinem Platz abgestellt habe, gehe ich zum Pool.
Ebenfalls rammelvoll. Ich ergattere eine Liege, komme aber aufgrund des Geräuschpegels und meines knurrenden Magens auf die Idee ins Restaurant zu gehen. Es steht tatsächlich ein vegetarischer Burger auf der Karte. Prima! Als ich ihn bestellen will erhalte ich vom Kellner die Antwort: Cocina cerrada. Ich habe mal wieder die Siesta vergessen. Essen gibt´s erst wieder ab 20.00 Uhr. Mist!
Ich bestelle erst einmal ein Bier. Der Kellner bringt mir Oliven dazu. Das liebe ich in Spanien so sehr! Es gibt immer Oliven oder irgendeine andere Kleinigkeit zum Getränk bzw. vor dem Essen. Die Oliven und das Bier sind schnell weg und ich bestelle ein zweites. Diesmal gibt´s Chips dazu. Auch lecker.
Wie´s weitergeht, spare ich mir hier. Als ich zwei Stunden später leicht angeschickert zu Emma zurückkehre brauche ich erst einmal eine Dusche. Kalt.
Danach grille ich mir einen vegetarischen Burger und sehe mir das Treiben an. Wein trinke ich keinen. Für heute habe ich genug.
Als um 22:00 Uhr sämtliche Nachbarn frisch gestylt zum Abendessen aufbrechen, klettere ich in Emmas aufgeheizten Alkoven.
Was bin ich froh, dass ich die nächsten Wochen in einem Haus wohnen kann! Was für ein Geschenk.
Ich nehme die Ohrenstöpsel mit und lese noch ein bisschen. Irgendwann schlafe ich ein.
Als ich am nächsten Morgen meine Yogamatte ausrolle herrscht überall Stille. Ich genieße sie.
Ich trinke Kaffee, packe in aller Ruhe zusammen und checke um 11:00 Uhr aus.
Danach entsorge ich und mache mich langsam auf den Weg Richtung Puerto de Mazarrón.

Reiseblog: Meine Heldenreise – Teil 11

Rote Erde, Olivenbäume & eine Fahrt in die Vergangenheit

Nachdem mir vor ein paar Tagen ein Auto die Vorfahrt genommen hat, kommt Teil 11 etwas verspätet. Durch die Vollbremsung zu der ich gezwungen war, wurde Emmas Auspuff aus einer Halterung gerissen und brach aus dem Krümmer. Die Folge waren ein Höllenlärm und ein herunterhängender Auspuff. Mittlerweile ist Emma wieder repariert.
Die vollständige Geschichte erfährst du in einem späteren Artikel.

Nun aber erst einmal weiter mit Teil 11.
Nachdem ich meine Sightseeingtour in Tarifas Altstadt hinter mir habe, überlege ich, wie es weitergehen kann.
Ich bin mittlerweile einen Monat unterwegs und mache mir Gedanken wie ein Neuanfang auch in beruflicher Hinsicht aussehen könnte. Es gibt einiges was ich kann und in dem ich gut bin.
Im Moment befinde ich mich zum ersten Mal in meinem Leben an einem Punkt wo ich weder weiß was ich will, noch was mir Freude macht.
Das ist neu und verunsichert mich.
Ich habe keine Ahnung wohin diese Reise geht.
Ich weiß, dass ich eine Meisterin darin bin mich selbst unter Druck zu setzen.
Neue Ideen können sich so nicht entwickeln. Ich ersticke sie bereits im Kern.
Wenn ich also zur Ruhe kommen möchte, muss ich damit aufhören.
Und: Vertrauen haben.

Mit diesen Gedanken mache ich mich auf den Weg in die Region Granada.
Dort möchte ich ein paar Tage im „El Pueblo“, in der Nähe von Loja, verbringen. Auf dieses Projekt bin ich neugierig.
Ich freue mich darauf dort Gleichgesinnte zu treffen, mich auszutauschen und vielleicht neue Impulse für meinen Weg zu bekommen.
Es ist immer interessant zu erfahren, wie andere Menschen leben und denken. Welche Werte sie haben, wie sie diese umsetzen und was sie antreibt. Es erweitert den eigenen Horizont.

Ich sehe Menschen gerne beim Leben zu. Ich kann viel dabei lernen. Sowohl für meinen persönlichen Weg, als auch beruflich.
Besonders interessant finde ich Authentizität. Man kann sie sofort wahrnehmen oder auch nicht.
Worte sind hörbar. Taten spürbar.
Das habe ich schon vor vielen Jahren gelernt.
Ich bin gespannt und mache mich auf den Weg.
Ich habe 230 km vor mir. Zunächst geht es ein Stück am Mittelmeer entlang bis Málaga und dann in Richtung Landesinnere. Mit jedem Kilometer wird es heißer und trockener. Die Landschaft verändert sich. Es geht bergauf, die Umgebung wird felsiger.
Ich finde das Anwesen auf Anhieb und werde freundlich und liebevoll empfangen. Ein schöner Einstieg. Emmas Platz ist toll. Der Ausblick wunderschön, die Ruhe sensationell. Besonders nachts. Außer dem Quaken der Frösche höre ich nichts.

In den 5 Tagen lerne ich verschiedenste Menschen kennen.
Alle haben Deutschland den Rücken gekehrt und sind auf der Suche sind nach einem Ort, wo sie gemeinschaftlich leben können.
Jeder bringt seine individuelle Geschichte und seine persönlichen Erfahrungen mit.
Wieder einmal bestätigt sich mir, wie wichtig eine klare, liebevolle und wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe ist.
Die Grundlage für jedes Miteinander.
Oft höre ich nur zu, wenn sich die anderen austauschen. Ihre Geschichten sind interessant. Jede ist einzigartig. Ich lerne viel und bin dankbar.
Die Ruhe und Abgeschiedenheit tun mir gut.
Ich überdenke Vieles und bekomme neue Perspektiven. Zusätzlich treffe ich Freunde. Auch eine Hündin ist dabei, deren Leben langsam zu Ende geht. Das ist spürbar. Ich weiß, dass ich hier nicht zum letzten Mal sein werde.

Nach fünf Tagen Hitze wird meine Sehnsucht nach dem Meer groß und ich mache mich mit Emma wieder auf den Weg.
Eine Schulfreundin hat mich eingeladen eine Weile im Haus ihrer Eltern zu wohnen. Eine willkommene Abwechslung. Ich nehme das großzügige Angebot gerne an.

Ich fahre zurück zum Mittelmeer und die Küste entlang. Die touristischen Orte erinnern mich an die Urlaube meiner Kindheit mit meinen Eltern.
In der Cala Aceite halte ich an und mache Pause.

An einem Parkplatz in der Bucht haben Menschen eine Art Gedenkstätte für die „Virgen del Mar“ und „Cristo del Mar“ (Jungfrau und Christus des Meeres) errichtet.
Überall liegen bemalte Steine, Herzen, kleine Statuen, Briefe und Zettel mit Namen und Widmungen. Da steigt in mir die Erinnerung an einen Urlaub an der Costa Brava Anfang der 70er Jahre auf. Wir waren jedes Jahr am Meer. Ich habe es geliebt.
Vor der Gedenkstätte stehend, erinnere ich mich an die Tage in Blanes. Damals hatte ich mir den Magen verdorben. Ich musste mich übergeben, bekam sehr hohes Fieber und phantasierte. Ich kann mich genau an die Einzelheiten erinnern. An die wirren Halluzinationen und Träume. Mein Vater saß an meinem Bett und weinte. Er hatte Angst um mein Leben.
Mein geliebter Vater.
In diesem Moment fühle ich wieder die Trauer.

Da höre ich sein Lachen und weiß plötzlich, dass es ihm gut geht.
Er möchte mich glücklich sehen.

Ich verewige ihn an der Gedenkstätte mit einem beschriebenen Stein.
Für eine Weile hänge ich meinen Gefühlen und Gedanken nach.
Dann fahre ich weiter.               
Am Abend finde ich einen Stellplatz in Torrenueva. Bei einem Spaziergang steige ich einen Hügel hinauf und komme an eine Hängebrücke. In der Mitte befindet sich ein durchsichtiges Stück. Es ist aus Glas. Ein Fenster nach unten. Man kann das Meer sehen wie es tief unten gegen die Felsen brandet und schäumt.
Ich erinnere mich an die Höhenangst, die ich einmal hatte und schlucke. „Los Anja! Lauf!“

Ich laufe los.
In der Mitte bleibe ich stehen, schwanke ein wenig und schaue nach unten.
Ich tue es einfach.
Ich überwinde mich.
Ein weiteres Mal.
Dann laufe ich weiter.
Vorbei an einer Frau, die sich an ihren Mann klammert und nicht weitergehen will.

Die Aussicht ist herrlich. Das Leben belohnt mich.
Danke.

Reiseblog: Meine Heldenreise – Teil 10

Conil de la Frontera die Zweite

Am Samstag fahre ich gegen Mittag nach Barbate.       
Ich bin dort mit T. seiner Familie und der Familie seiner Partnerin (sie ist Spanierin) zum Essen verabredet. Ich freue mich darauf und hoffe, dass ich mittlerweile mehr verstehen und vielleicht auch mal mitreden kann.
Wir treffen uns um 14:30 Uhr zum Mittagessen in einem Restaurant. Insgesamt sind wir 14 Personen.
6 Kinder und 8 Erwachsene. Der Geräuschpegel ist hoch. Normal bei Spaniern. Für mich ist es eine neue Erfahrung. Ich höre hauptsächlich zu. Ab und an sage ich auch mal etwas. Offenbar ist es nicht kompletter Unsinn, denn man antwortet mir. Que bueno.
Mittlerweile verstehe ich viel von dem was die anderen sagen und auch sprechen geht heute deutlich besser.
Der andalusische Akzent ist nach wie vor gewöhnungsbedürftig.
Die Sprachgeschwindigkeit schwindelerregend. Ich muss aufpassen, dass ich beim Zuhören nicht nach Luft schnappe. Dass andauernd Silben und ganze Satzteile fehlen macht es nicht einfacher. Trotzdem bin ich alles in allem recht zufrieden.
Nach dem Essen trinken wir im Patio des gemieteten Hauses Kaffee und essen Eis. Ich habe meines in einem cucurucho (wird kukurutscho ausgesprochen) bestellt. Das bedeutet Eiswaffel.
Ich mag dieses Wort.
Zum Abschluss gehen wir gemeinsam an den Strand.
Eine spanische Familie ist beim Strandausflug immer bestens ausgerüstet.
Mit Stühlen, Schirmen, Getränken und vielen Taschen ausgestattet treffen wir dort ein. Ich mag es, wenn so viele Leute zusammen sind. Ich komme aus einer sehr kleinen Familie und kenne es nicht, dass drei Generationen so oft und intensiv miteinander Zeit verbringen. Als ich gegen 8 zu Emma laufe bin ich ziemlich voll im Kopf von all den Eindrücken, aber glücklich.
Es war ein wunderschöner Nachmittag und ich freue mich jetzt auf Ruhe.
Der Campingplatz ist zum Wochenende voll geworden.
Jede Mengen Jugendliche mit Zelten, lauter Musik, Alkohol und Marihuana, dem Geruch nach zu urteilen.
Dann wohl eher keine Ruhe. Ich gehe mit Ohrenstöpseln ins Bett.

Als ich mich am kommenden Morgen auf meine Yogamatte begebe, fällt mir auf dem gegenüberliegenden Platz ein junger Mann auf, der gerade sein Zelt abbaut. Er packt seine Habseligkeiten auf ein Fahrrad. Interessant. Durch Spanien mit dem Fahrrad.
Er kommt zu mir herüber und fragt, ob ich Französisch spreche. In Französisch versteht sich. Für einen Moment bricht in meinem Kopf Chaos aus. Wo war doch gleich wieder das Französisch?
Ich bewundere Menschen, die mühelos zwischen verschiedenen Sprachen umschalten können.
Das Ende vom Lied ist, dass wir uns in einem Mix aus Französisch, Spanisch, Deutsch und Englisch unterhalten. Er heißt Kasim, ist Marokkaner, studiert Wirtschaftswissenschaften und war einige Monate in München. Im Moment ist er mit dem Fahrrad unterwegs nach Portugal wo sein Bruder wohnt.
Das Gespräch macht Spaß und ich fühle ein weiteres Mal, warum ich reisen so liebe. Es sind diese Begegnungen mit interessanten Menschen. Er schenkt mir „La Paix et la Guerre“ (Krieg und Frieden) von Leo Tolstoi. 1239 Seiten feinstes, anspruchsvolles Französisch. Er hat es ausgelesen und weiß nicht wohin damit. Ich nehme das Geschenk an. Ob ich mich da heranwagen werde? Mal sehen. Im Moment ist erst einmal Spanisch dran. Vielleicht kann ich es ja zu gegebener Zeit weiter verschenken oder mein Französisch aufmöbeln.
Ich revanchiere mich mit einem Kaffee, den er dankbar annimmt, bevor er sich mit seinem Fahrrad und leichterem Gepäck davon macht.
Ein erfrischender Start in den Sonntag.               
Ich begebe mich zurück auf meine Matte und mache brav meine Hausaufgaben.
Die zweite Woche wird aktiv werden.
Das wird sie.
Morgens Unterricht. Nachmittags conversación. Abends Ausgehen.
Der Unterricht ist anspruchsvoll. Ich lerne und lache sehr viel.
Neben mir sitzt L. Ein ZDF-Kameramann aus einem Dorf bei Düsseldorf. Wir haben einen ähnlichen Humor und ich fühle mich manchmal 40 Jahre zurückversetzt. Schulzeit, letzte Reihe im Klassenzimmer. Quatsch machen bis die Tränen kommen.
Das Abendprogramm ist ebenfalls abwechslungsreich. Die Tapastour lecker und weinlastig. Die Gespräche interessant. Nach zwei chupitos (das sind Kurze, also spanische Schnäpschen) bin ich froh, dass ich zu Fuß unterwegs bin.
Am Dienstag habe ich mich für die Radtour angemeldet.

Wir sind knapp 4 Stunden in der Umgebung von Conil unterwegs und kommen an einigen wunderschönen Stränden und Buchten in der Gegend von Roche und Novo Sancti-Petri vorbei.
Auf dem Rückweg fahren wir oberhalb der Steilküste entlang und haben einen grandiosen Ausblick auf versteckte Buchten und das Meer. Wir sind zu fünft (vier Männer und ich).

Ich habe mein eigenes Fahrrad dabei. Die anderen leihen sich welche. Die Fahrräder haben alle kleine, hart aussehende Sportsättel.
Das fällt mir sofort auf. Ich bin froh um meinen bequemen Gelsattel und ich weiß auch warum. Einer der Mitfahrer fährt hauptsächlich stehend zurück.

Am Mittwochabend veranstaltet Andreas, der Besitzer der Schule, eine Fiesta in seinem Haus. Wir essen, tanzen, trinken und haben jede Menge Spaß. Es entstehen viele lustige Fotos. Da ich keines ohne die Zustimmung jeder einzelnen Person hochladen kann, lasse ich es sein.
Es wird spät an diesem Abend. Am nächsten Tag benötige ich ein paar Tassen Kaffee um wach bleiben zu können. Macht nix. Der Abend war es wert.
Neben der Academía ist ein kleines Café. Es ist eines der wenigen Läden, wo ich frische, leckere vegane und vegetarische Mahlzeiten auf der Karte finde. Auch die Preise sind ok. Es gibt dort sogar Hafermilch und ich meinen Café con leche di avena serviert. In Bioqualität. Eine Seltenheit.       
Die Salsatanzstunde am Donnerstag fällt Gott sei Dank aus. Ich hätte zwar gerne ein paar Schritte gelernt, bin aber nach den letzten drei Tagen ziemlich erledigt.
In Nullkommanichts ist es schon Freitag. Wir bekommen unsere Zertifikate, tauschen Nummern aus und verabschieden uns.
Ich war definitiv nicht zum letzten Mal in Conil.

Emma und ich machen uns wieder auf den Weg.
Zwei Wochen an einem Platz sind definitiv genug.
Ich möchte als nächstes in die Nähe von Loja, wo eine deutsche Familie ein Projekt mit dem Namen „El Pueblo“ ins Leben gerufen hat. Sie wollen zusammen mit Gleichgesinnten eine Art Dorf gründen, wo sich jeder mit seinen Stärken und Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbringen kann.
Regeln gibt es keine. Es wird auf Eigenverantwortung, Herzensintelligenz und respektvolles Miteinander gesetzt. Selbst denken ist gewünscht.
Das klingt hervorragend.                                                   
Ich bin gespannt auf das Projekt und die Menschen. Offen für Neues sowieso.
In Deutschland habe ich alles was sich im letzten Jahr nicht von alleine verabschiedet hat selbst beendet und hinter mir gelassen.
Ein Neuanfang steht an. Auf sämtlichen Ebenen.
Ich halte Augen und Herz offen.

Bevor ich nach „El Pueblo“ aufbreche, mache ich den geplanten Abstecher nach Tarifa um mir endlich in Ruhe die Altstadt anzusehen. Ohne fliegende Hunde und Haarverlust, versteht sich.
Es ist entspannt und schön und ich bleibe über´s Wochenende.